Folgendes ist der einzige autobiografische Text von Johanna Ambrosius zu Ihren Lebzeiten, der mir bisher bekannt geworden ist.
(Autobiografisches aus Briefen wird demnächst ergänzt. Ebenso eine Stellungnahme zum selben Thema von Ihrer älteren Schwester Martha, die sich gegen öffentliche Verfälschungen Ihres Lebens und Lebenswandels richtet.)

Eine Kleinbauersfrau als berühmte Dichterin
In: Das Land, Das Land. Zeitschrift für soziale und volkstümliche Angelegenheite auf dem Lande. Organ des Deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege,
1895, Jgg. 3 S. 375f.

[Bruno Wille]
Johanna Ambrosius:

Eine Kleinbauersfrau als berühmte Dichterin.*)
Sehr geehrter Herr Redakteur!
Ihrer freundlichen Aufforderung konnte ich nicht früher nachkommen, da ich seit vierzehn Tagen krank bin und auch jetzt noch leide. Ich bitte daher, mich zu entschuldigen und Nachsicht mit meinem kurzen Bericht zu haben.
Mein Leben ist genau so wie das jeder andern Frau aus dem Volke, um nichts besser, nichts schlechter. Unter drückenden Verhältnissen groß geworden, empfand ich keine Sehnsucht nach Reichtum und Glanz, nur wissen wollte ich gern alles, alles. Doch dazu fehlte es mir an Zeit und Unterricht. Das Wenige, was ein Kind bis zu seinem 11. Lebensjahre lernen kann, machte mein ganzes Wissen, meine ganze Bildung aus. Vom 13. Lebensjahre las ich dann mit meinen Geschwistern die "Gartenlaube". --Meine Mutter lag sehr viel krank, und da wir ein kleines Grundstück besaßen, mußte ich als Kind schon schwer arbeiten. Von 13 Jahren lernte ich Weben und Spinnen, Nähen, Brotbacken, Melken. Kochen verstand ich auch schon ganz gut, wenn auch manch Gericht verdorben und mit Thränen gesalzen wurde. Man erzählt in einem Märchen, daß die Gold - Marie spinnen mußte, bis ihr das Blut aus den Fingern sprang. Meine Hände waren wohl nie im Winter heil, so blutig zerronnen und geschunden von harter Arbeit. Doch wie streng auch die Mutter uns Mädchen um 4 Uhr aus dem Bette klopfte, wie hart auch der böse Winter 1867 mit uns verfuhr, brachte der Sonntag die "Gartenlaube", dann war eitel Sonnenschein in der kleinen Kammer mit dem einen Fensterlein, darinnen auch noch die Küche sich befand oder besser ein Kamin, darin wir kochten.
Die Poesie verschönte mir auch die härteste Arbeit, und durstig trank das 14jährige Mädchen die "Gisela" von Marlitt.
Man wirft diese liebenswürdige Dichterin jetzt zur Seite, doch ich bin ihr Dank schuldig, daß sie damals ein paar armen Kindern so viel Seligkeit geschenkt. Bis zu meinem 20. Jahre las ich noch das genannte Blatt, dann änderte sich mein Leben, ich verließ das Elternhaus, um als Gattin eines Bauernsohnes, auf unserer Hände Arbeit angewiesen, in eine jener Hütten zu ziehen, wie man sie für arme Leute baut. Ich arbeitete gern, denn ich war gesund und hatte von Kindheit aus große Vorliebe für das Land. Als meine Eltern noch zu Miete in meinem Geburtsorte Lengweten, Kreis Ragnit, wohnten und nur einige Beete Land hatten, ließ ich nicht eher nach, bis man mir ein paar Fuß von dem roten Lehmboden abtrat, den ich dann mit Gilken und Tausendschön, Mohn und Nelken bepflanzte. Ja, ich liebe die Landarbeit über alles und machte mich kaum in der Stadt zurecht finden. Ich denke auch, kein Städter kann den Sonntag so genießen wie wir Landleute. Es überkommt mich immer wie heilige Ruhe, sehe ich die Felder im Schmucke ohne die arbeitenden Menschen. Nur hie und da geht einer in Hemdsärmeln, sein Jüngstes wohl an der Hand, durchs Getreide und prüft die Kerne, schält wohl auch schon den Ertrag.
Von meiner Verheiratung an wohnte ich mit armen Tagelöhnern zusammen. Mein Stübchen war ohne Dielen, die Stühle versanken in der weichen feuchten Erde. Sah auch die Not oft durchs Fenster, und wollte manchmal der Mut sinken, es ging doch weiter. Fremd war ich unter den Leuten, fremd jedem, jedem. Den Glauben, daß es was Besseres, Schöneres gäbe als Essen und Trinken, konnte ich nicht aus der Brust reißen. Kein Buch, keine Zeitung ist mir 12 Jahre lang in die Hand gekommen. Vier Bände „Gartenlaube" erhielt ich von Hause, als ich schon 10 Jahre verheiratet war. Das war alles, was ich besaß, doch auch dieses las ich nicht, mein Auge und Herz las in der Natur, las in der Seele des Volkes, die ich genau studiert und kenne. Ich habe alles ertragen an Demütigungen, was überhaupt die Armut ertragen kann. Mit Ekel und Abscheu sah ich das Gemeine, mit unendlichem Mitleiden das Elend der Armen. Ich sah die Genügsamkeit unter den Leuten, edle Züge der Barmherzigkeit, daran sich manch Gebildeter ein Beispiel hätte nehmen konnen.
Das große Elend öffnete mir die Augen, gab mir Antwort aus manches eigene "Warum.?" Das „Unverstandensein" öffnete den Quell der Poesie mir im Herzen, und ohne auch nur ein Maß oder eine Form zu kennen, brach im Herbst 1884 mein erstes Lied sich Bahn.
Nicht die paar Bände „Gartenlaube", nicht die drei oder vier Gedichte, welche ich darin gewesen, machten mich zur Dichterin, ganz allein der "Schmerz". Das wird jeder empfinden, der meine schlichten Lieder liest. ohne zu wissen, daß es eine Dichtkunst gibt, habe ich mit dem Gefühl gewußt, was richtig und falsch ist.
Zumeist summte ich mir eine Melodie. Mein Ohr ist sehr empfindlich für ein störendes Lautchen, und so wie ich mein Fühlen und Denken im ersten Augenblick ausspreche, so ist’s am besten. Jch dichte im Stall, auf demFelde, in der .Küche, allüberall.
Seit 1883 bin ich hier in einem Dorfe von 700 Seelen. Unser kleines Besitztum forderte fleißige Arbeit, und freudig habe ich mein eigen Stückchen Land ausgenützt. Setzt vier Jahren jedoch leide ich infolge derInfluenza, und nur mit großer Qual kann ich dem mir zugewiesenen Teil als Hausfrau nachkommen. Früher habe ich gedroschen aus der Tenne, und ich verstehe auch eine regelrechte Garbe zu binden. Ja, ich mähe selbst das Gras für die einzige Kuh, wenn mein Mann nicht zu Hause ist. Das macht mir Vergnügen, wenn der Nachbar in seiner litauischen Sprache mich fragt, ob es auch gut schneidet. Doch ohne Schmerz bin ich keinen Augenblick.
Seit einmal die Poesie ihren :Weg gesunden, kam Lied um Lied. Es sind wohl mehr denn 500 ich kenne jedes genau, weiß auch, wobei ich sie gemacht, ob da oder da. Nachdem ich 200 Gedichte fertig hatte, sandte meine Schwester Martha einige an Redaktionen ein. Sie wurden gedruckt, aber niemandem fiel es ein, trotzdem alle meine Lage und Verhältnisse kannten, etwas weiter sür mich zu thun. Schon wollte ich die Lieder bei Seite legen; doch ich habe zwei Kinder, ein Mädchen von 19 und einen Buben von 16 Jahren, dieie sollten die Früchte meines Geistes genießen. Es wäre wohl damit nichts erreicht, hatte nicht Gott der Herr mir einen Mann in den Weg gesandt, der wirklich einzig dasteht. Durch eine Probenummer, welche Herr Professor .Carl Weiß-Schratteuthal in Preßburg mir zusandte, wurde ich mit genanntem Herrn bekannt, und es dauerte nicht lange, da bot mir dieser edle Menschenfreund seine hilfreiche Hand. Mein Büchlein kam in den Weihnachtsfeiertagen zur Ausgabe, und in drei Tagen war es vergriffen. Die 8. Auslage ist jetzt im Buchhandel Die vielen, vielen Briefe, die mir aus allen Teilen Deutschlands, aus England, Rumänien, Rußland, Osterreich ja, selbst Amerika zugegangen und noch zugehen, zeugen von dem großen Interesse, welches meine schlichten Lieder geweckt.
Wenn ich so an meinem selbstgewebten Kleide heruntersehe und meinen Blick durch das dürftig ausgestattete Stübchen schweifen lasse und dann die Briefe lese, welche mir hohe Herrschaften schreiben, und die schonen Geschenke und Gedichte betrachte, damit man mich beglückt, dann kommt mir alles wie ein Märchen vor. Das arme Handwerkerkind, welches nur fünf Jahre die Dorfschule besucht, die arme Frau, welche barfuß auf dem Felde im Regen und Sonnenschein gearbeitet, ist durch Gottes gnädige Hilfe und durch ein edles, liebevolles Menschenherz bekannt geworden als deutsche Volksdichterin. Sieben Lieder sind von der Frau schon komponiert, in der niemand im Dorfe bis heute etwas anderes sah als eine arme Frau. Immer entstehen noch neue Lieder. Meine Phantasie arbeitet rastlos, endlos. Sie ist meine stete Begleiterin, wo ich geh und stehe.
Bin ich auch körperlich gebrochen, die Seele ist und mächtig.
Mein Stolz ist, daß ich ein Weib aus dem Volke bin, einfache ungebildete Bauersfrau. Was ich von der Welt gesehen ist meine enge Heimat. Ich bin nie darüber hinausgekommen. Ich bin 40 Jahre alt, geb. am 3. August 1854, und daszweite Kind armer Handwerksleute. Ja, ich kann wohl aus vollem Herzen sagen: Der Herr hat Großes an mir gethan. Ehre sei Gott in der Höhe!
Gr. Wersmeninken, Post Lasdehnen (Ostpr.)
Johanna Ambrosius.
*Der zweite Teil des Dr. Willeschen Artikels "Zwei Dorfpoeten", welcher Christian Wagener behandelt, folgt in nächster Nr.
D. Red.

Laßt Sie schlafen !

Hart am schatt'gen Waldessaume, wo die goldnen Aehren rauschen,
Wo die bunten Sommerkinder Küsse mit dem Zephyr tauschen,
Wo des Rehes keusche Augen schauen durch das Blattgehege,
Schläft, von Mittagsglut umflossen, saust ein Mägdlein auf dem Wege.

Mit der Sonne um die Wette slimmern goldig ihre Löckchen,
Leicht bedeckt die bloßen Schultern von dem arg zerriss'nen Röckchen,
Zärtlich um die braunen Furchen sich die schlanken Halme schmiegen,
Draus gleich bunten Edelsteinen Schmetterlinge sanft sich wiegen.

Rings umher nur Bienensummen, holder Elfen Zwiegeflüster.
Weltverloren dringt der Tauben traulich Girren aus dem Düster,
Sich die langen Seidenhaare ans der Stirn die Aehre fächelt,
Alles atmet Glück und Frieden, hold im Traum das Mägdlein lächelt.

Was es träumt, es gleicht dem Bilde, das Natur ringsum gewoben:
Noch von keinem Feind bedrohet, noch von keinem Sturm zerstoben –
Sieht sich glücklich gleich den Blumen, die um keine Nahrung sorgen,
Schwebt auf leichten Vogelflügeln jubelnd in den jungen Morgen,

Sieht in jedem Menschenkinde holder Engel Spielgenossen,
Vom Palaste bis zur Hütte einem Stamme all entsprossen. –
Kinderzeit, mit keinen Träumen führst, in Lumpen oder Seide,
All die süssen kleinen Lämmlein auf derselben Märchenweide!

Lange stand ich vor dem Mädchen, in Gedanken tief versunken,
Hab' an diesem Unschuldsbilde meine Seele satt getrunken,
Wehrte ab den wilden Knaben, der. mit seinem Wanderstecken
Wollt', zum Zeitvertreib und Scherze, aus dem Schlaf die Kleine schrecken.

Singend zog er in die Ferne, als ich leise schlich von dannen,
Und es ging ein ernstes Rauschen durch die immergrünen Tannen:
Gönnt der Jugend ihren Schlummer, laßt die Kindlein ruhig träumen,
Glaubt, es wird das kalte Leben niemals seine Pflicht versäumen!